Dienstag, 4. November 2014

Die Arbeitswelt ist kein Müsli-Versand

Politik und Gesellschaft   |   Generation Y

Ich will nur Himbeeren, und du nur Blaubeeren:
In der Arbeitswelt werden nicht alle Wünsche erfüllt
Die Generation Y erwartet von ihrem Arbeitsplatz die uneingeschränkte Erfüllung. Dieser Anspruch ist überhöht. Doch die Gesellschaft lebt genau diese Mentalität vor. Ein Kommentar

Eine Freundin von mir hat sich neulich ihr individuelles Müsli im Internet zusammengestellt. Jede Zutat kann man dort einzeln bestimmen. Wer keine Rosinen mag, lässt sie einfach weg. Die Produktpalette gewöhnlicher Supermärkte reicht heute scheinbar nicht mehr aus.

Und wie so oft kann man vom kleinen aufs Große schließen. Meine Freundin ist 23 Jahre alt und damit ein Vertreter der Generation Y. Und die bestellt sich nicht nur Müsli im Internet, sondern drängt auch auf den Arbeitsmarkt. Doch mit ihren Ansprüchen, die sie beim Müsli-Versand gelernt haben, eckt sie dort an. Die Arbeitswelt müsse sich ändern, lautet oft die voreilige Conclusio. Doch in Wahrheit das Problem nicht bei der Arbeit, sondern im Anspruch der Generation Y, die nicht weniger erwartet, als den maßgeschneiderten Arbeitsplatz, der keine Wünsche offen lässt.


Natürlich haben alle Generationen davon geträumt, einer erfüllenden Arbeit nachzugehen, genug Freizeit für Familie und Freunde zu haben und allen Leidenschaften frönen zu können, die man sich so gönnt. Der Unterschied zu früher liegt darin, dass man heute gewohnt ist, sich aus einer Auswahl die besten Stücke herauszupicken und sich mit dem Rest nicht zu beschäftigen. Wozu sich noch drei Stunden „Wetten, dass...?“ reinziehen, wenn man die größten verbalen Entgleisungen von Markus Lanz bei Youtube doch in ein paar Minuten durchklicken kann. Wozu sich überhaupt an Fernsehzeiten halten, wenn Netflix, Maxdome und Co meine Lieblingsserien genau dann liefern, wenn ich es will? Wozu eine ganze Tageszeitung kaufen, wenn ich im Internet doch hunderte Seiten genau zu dem Thema finde, das mich interessiert? Und habe ich den Laptop erst einmal aufgeklappt, muss ich mich sowieso nicht mehr mit lästigem Beiwerk auseinandersetzen: Hier wartet meine persönliche, individualisierte Welt auf mich. 

Auch in anderen Geschäftsfeldern stehen ganze Wirtschaftszweige hinter der Sucht nach der schnellen Befriedigung aller Bedürfnisse. Wer ein Auto fahren will, kann sich diesen Wunsch heute an jeder Straßenecke erfüllen - Car-Sharing kostet ja nur ein paar Cent. Die Share Economy versteckt sich gerne hinter einer - in Teilen sicher auch tatsächlichen - Nachhaltigkeit. Doch gleichzeitig bedient sie das Gefühl: "Ich kann alles haben, wann immer ich es will". Nicht zufällig lautete das Motto eines großen Mobilfunkanbieters jahrelang: "Du willst es - du kriegst es!" Plakativer kann man kaum in Worte fassen, wie man die werberelevante Zielgruppe heute erreicht.

Doch was für die Freizeitgestaltung mitunter praktisch sein mag, funktioniert im Job nur selten. Die Arbeitswelt ist kein Müsli-Versandhaus. Kein Arbeitsplatz ist ohne Rosinen. Ein Arbeitsplatz, an dem man Markus Lanz wegklicken kann, eine Utopie. Diese Generation ist verwöhnt. Doch nicht durch ihre Eltern, sondern durch die kommerzialisierte Individualisierung der Gesellschaft.