Donnerstag, 13. Februar 2014

Eine Verlegenheitslösung für Berlins prominenteste Brache

Stadtentwicklung   |   Tempelhofer Feld
Schnittig und umstritten:
Ein Entwurf für die Bebauung am Tempelhofer Feld.
Der Termin für die Abstimmung über die Zukunft des Tempelhofer Feldes steht fest. Am 25. Mai können die Berliner wählen: Ein naturbelassenes Feld oder Randbebauung inklusive ZLB. Doch sind nicht beide Vorschläge unausgegoren?

Der 25. Mai wird großer Wahltag in Berlin. Anders als beim Volksentscheid über die Rekommunalisierung des Stromnetzes entschied der Berliner Senat, zwei Abstimmungen an einem Tag abzuhalten. So wird der Volksentscheid über die Zukunft des Tempelhofer Feldes zur selben Zeit stattfinden wie die Wahl zum europäischen Parlament. Entschieden wird über zwei gegensätzliche Vorschläge. Die Initiative "100% Tempelhofer Feld" fordert, das Feld unbebaut und im jetzigen Zustand zu belassen. Der Senat möchte es an den Rändern mit gemischter Nutzung bebauen und am süd-westlichen Ausgang einen Neubau für die Zentral- und Landesbibliothek (ZLB) errichten. Zwischen diesen beiden Möglichkeiten kann sich der Bürger also wählen. Entweder - oder; hop oder top, Ja oder Nein. Doch was, wenn man mit beiden Varianten nicht glücklich ist?

Das Feld unbebaut lassen? Nein!

Zunächst ist wohl für jeden eines klar: Die Weite des Tempelhofer Feldes ist beeindruckend. Inmitten der Großstadt stellt sie einen markanten Kontrast zum sonstigen Alltag der Berliner dar. Ruhig und überschaubar liegt die Fläche da und bietet Rückzugsraum für jeden, der ihn sucht. Doch verschwindet dieser Reiz, wenn man die Ränder bebaut? 

Das darf bezweifelt werden. Auch in den Plänen des Senats verbleibt eine Freifläche beeindruckenden Ausmaßes in der Mitte, die in keiner anderen Stadt vergleichbarer Größe zu finden ist. Vor allem bietet die Verbindung baulicher Strukturen mit Parks eine enormes Potential für reizvolle Szenen. Die Schnittpunkte zwischen Central Park und bebauter Stadt in New York sind interessante und bei den Bewohnern beliebte Schlüsselorte des urbanen Lebens. Am Tiergarten sind die angrenzenden Grundstücke bereits verplant und das Potential, den Park optimal an die Stadt anzubinden, verspielt. Bei intelligentem Städtebau könnte dieses Versäumnis in Tempelhof nachgeholt werden.

Dass Berlin neue Wohnungen braucht ist zudem unumstritten. Dass das Tempelhofer Feld ein guter Standort dafür ist, ebenfalls. Sicher gibt es noch weitere Brachflächen für potentiellen Wohnungsbau in Berlin. Doch keine ist so gut gelegen, keine bietet so viel Platz und vor allem kann keine trotz Bebauung weitestgehend erhalten bleiben. Entscheidend ist viel eher, den Charakter des Feldes zu bewahren. Es darf kein durchgestyler Park entstehen, kein angelegter Garten. Der Charme der Brache muss weiterleben. Der Geist der Geschichte, das Gefühl, neues zu entdecken, Orte für Ideen und das Ausleben verschiedenster Hobbys zu finden - das alles macht das Tempelhofer Feld fast mehr aus als die pure Weite. Bleibt dieser Charakter erhalten, wird auch die Bebauung am Rand nicht allzu sehr stören.

Die Pläne des Senats? Auch nicht!

Doch für Wohnungsneubau zu sein, heißt noch lange nicht, für die Pläne des Senats zu sein. Denn deren integraler Bestandteil ist die ZLB. Ein Hauptgebäude, in dem die derzeit auf verschiedene Standorte verteilten Bestände der Landesbibliotheken gesammelt angeboten werden könnten, ist sicherlich wünschenswert. Doch der Bau an dieser Stelle ist letztlich ein Prestigeobjekt. Nicht von ungefähr ist sie inzwischen besser bekannt unter dem Namen "Wowereit-Gedenk-Bibliothek". Doch ist die ZLB an dieser Stelle wirklich zu wünschenswert? 


Hunderte Millionen des Kultur-Etats des Senats fließen in das Projekt. Millionen, die an anderer Stelle fehlen. Kleine Bibliotheksstandorte müssen schließen, wie etwa die Bona-Peiser-Bibliothek in Kreuzberg. Lesehilfe, Programme für Schulklassen, Hausaufgabenhilfe - die kleinen Bibliotheken leisten Arbeit, die keine ZLB ersetzen kann. So leidet die soziale Infrastruktur Berlins unter dem Großprojekt. Auch aus dem Kulturamt Kreuzberg-Friedrichshain hört man: "Das Geld ist da, es ist nur an der falschen Stelle." Dezentrale, kleinteilige Kiezstrukturen, die das Leben in jedem Teil der Stadt lebenswert machen - das macht Berlin aus. Die ZLB an diesem Standort und in dieser Form ist genau dafür eine Gefährdung. Noch dazu hört man aus Kreisen der Landesbibliothek, dass man mit dem Standort noch nicht glücklich sei: "Zu weit draußen, strukturell nicht eingebunden." So sehr man Wohnungsneubau am Rande des Feldes auch befürwortet - für die ZLB möchte man nicht stimmen.

Ein weiteres Ärgernis ist das Wegerecht in den geplanten Baugebieten. Laut Planung sollen die neu angelegten Straßen dem Investor gehören. Dieser soll vertraglich verpflichtet werden, sie der Allgemeinheit zur Verfügung zu stellen. Das ist inzwischen gängige Praxis. Das Spreedreick am Tränenpalast oder die Straßen des Daimler-Komplexes am Potsdamer Platz funktionieren ähnlich. Doch solche Verpflichtungen sind zeitlich begrenzt, üblicherweise auf etwa 20 Jahre. Aber was passiert danach? Für ein Wohngebiet, das viele Jahrzehnte stehen soll, eine entscheidende Frage. Hier müsste vorgesorgt werden, dass die Durchwegung auf Dauer der Öffentlichkeit zugänglich bleibt.


Was dann?

Alles so lassen, wie es ist oder die Pläne des Senats - beides sind also keine Varianten, die einen förmlich zur Wahlkabine drängen. Doch Margarete Heitmüller von der Initiative 100% Tempelhofer Feld gibt dann vielleicht doch einen Grund, für ihre Seite zu stimmen. In der RBB-Abendschau vom 28. Januar diesen Jahres sagt sie: "Stimmt für unser Gesetz und dann haben wir in ein paar Jahren, wenn wir nochmal in aller Ruhe nachgedacht haben, die Möglichkeit, etwas anders zu tun." Gründlich nachdenken, etwas anderes tun als bisher vorgeschlagen - das hört sich vernünftig an. Denn was bisher geplant ist, ist kurzgedacht und eine Verlegenheitslösung. Egal, für welche Seite man stimmt.