Dienstag, 28. Januar 2014

Wohin mit dem Alexanderplatz?

Stadentwicklung  |  Alexanderplatz
Neuer Blickfang am Alex:
Frank Gehrys Entwurf
21 Jahre nach Hans Kollhoffs Masterplan für den Alexanderplatz scheint das erste Hochhaus dort Realität zu werden. Doch was auf den ersten Blick wie ein positives Signal erscheint, lässt tatsächlich keine gute Zukunft für den Platz erahnen.

150 Meter soll es hoch sein, Wohnungen in allen erdenklichen Größen bieten und den ersten Schritt auf dem Weg frei machen zum langersehnten weltstädtischen Antlitz des Alexanderplatzes in Berlin-Mitte. Ein Hochhaus mehr für die Hauptstadt, noch dazu von einem namhaften Architekten. Auf den ersten Blick könnte man meinen, dieses Vorhaben wäre ein gutes Zeichen für die Entwicklung des Alexanderplatzes, des Berliner Zentrums, ja sogar für die ganze Stadt. Doch genau das, was am Alexanderplatz vermieden werden soll, könnte mit diesem Hochhaus eintreten.

Frank Gehrys Entwurf für den von der US-Immobilienfirma Hines geplanten Wohnturm hat große Beachtung gefunden. Das wundert nicht, denn schließlich hat man lang genug auf darauf gewartet. Fast 21 Jahre. So lang ist es her, dass Hans Kollhoff einen Masterplan für die künftige städtebauliche Entwicklung des Alexanderplatzes entwarf. Zehn Hochhäuser um die 150 Meter sollten dem Fernsehturm weit über der gewöhnlichen Berliner Traufhöhe Gesellschaft leisten und dem Alexanderplatz eine eigene Identität geben. Sie sollte die vielen Wandlungen des Platzes vergessen machen, von denen letztlich keine Befriedigung gebracht hatte. Vor dem zweiten Weltkrieg mit den Bauten von Peter Behrens versehen, danach als sozialistischer Stadtplatz aufgebaut und immer vom Verkehr umtost; nach dem Fall der Berliner Mauer wollte man 1993 die Verhältnisse ordnen und dem Platz mit Kollhoffs Entwurf nachhaltig ein Gesicht geben, das ihn als würdiges Zentrum des zusammengewachsenen Berlins qualifiziert.

Genau das droht nun mit dem geplanten Hochhaus zu scheitern. Denn für Kollhoffs Pläne ließen sich keine Investoren finden. Keine Wolkenkratzer wuchsen in die Luft. Stattdessen wurden die bestehenden Bauwerke saniert und erfreuen sich einer stetig wachsenden Anerkennung. Gebäude, die vor 20 Jahren nur als DDR-Vermächtnisse gesehen wurden, derer man sich schleunigst entledigen sollte, werden mittlerweile als architektonisch weitaus signifikanter eingestuft als bislang gedacht. Inzwischen plant Senatsbaudirektorin Regula Lüscher gar, sie zu großen Teilen unter Denkmalschutz zu stellen. SPD und CDU haben bereits ihre Zustimmung signalisiert. 

Mitten in diese Entwicklung platzt nun die Präsentation des neuen Hochhauses. Und so stehen sich zwei Entwicklungen gegenüber: Die Rückbesinnung auf die von der DDR geprägte Rahmung des Platzes und die Nach-Wende-Euphorie, von der nicht mehr übrig geblieben ist, als das Hines-Hochhaus. Herauskommen wird dabei ein unbefriedigender Misch-Masch. Weder wird die DDR-Moderne hier in angemessener Weise erhalten und als Gesamtensemble gewürdigt noch entsteht Raum für ein neues, identitätsstiftendes Zentrum. Der neue Wohnturm wird sich in einer Umgebung wiederfinden, die nicht für ihn gemacht ist und in die er nicht passt. Als einzelnes Gebäude ist er fraglos ein Gewinn für Berlin, im Stadtgefüge allerdings ist er deplatziert.

Vor einigen Wochen sprach Regula Lüscher im RBB-Info-Radio über die Stadtentwicklung in Berlin-Mitte. Sie tadelte die Zerstörung der Stadt rund um die Gertraudenstraße. Zu viele verschiedene Leitbilder der Stadtentwicklung hätten hier an einem Ort zusammengekommen und hätten ihn letztlich kaputt gemacht. Doch sie wehrte sich entschieden gegen den Vorwurf, auch am Alexanderplatz sei die Stadt "zerstört". Dort sei nach ganz bestimmten Leitbildern das Zentrum des sozialistischen Ost-Berlins aufgebaut worden, sagte sie und lobte die DDR-Moderne. Mit der aktuellen Entwicklung allerdings droht dem Alexanderplatz eben jenes Schicksal, von dem er laut Lüscher bislang verschont geblieben sei. Zu viele gegensätzliche Ideen für den Platz treffen aufeinander und keine wird konsequent zu Ende geführt. Man sollte sich entscheiden: Soll die Konzeption der DDR übernommen und gewürdigt werden oder will man einen neuen Stadtplatz? Beide Varianten parallel fortzuführen würde dem Platz nachhaltig schaden. So ist die Präsentation des Entwurfs vor allem eines gewesen: Eine Aufforderung an die Politik, sich über die gewünschte Entwicklung des Alexanderplatzes klar zu werden.