Dienstag, 19. November 2013

Die Alt-68er als Accessoire

Politik und Gesellschaft   |  Jugendkultur

Festivalisierung der Jugend: Der Glanz früherer
Generationen als Vorbild.
Viele Forderungen der Jugendbewegungen der 60er Jahre sind Realität geworden. Doch auf die heutige Generation hat diese Zeit noch ganz andere Auswirkungen. Ein Essay über die Faszination vergangener Jugendkulturen.

Childhood living, is easy to do.
The things you wanted, I bought them for you.“

Es war das Jahr 1971, als Mick Jagger diesen Satz im Song „Wild Horses“ sang. Woodstock war vorbei, die Beatles Geschichte und die Tragödie von Altamont hatte den 1960er Jahren einen düsteren Schlussakkord beschert. Die sexuelle Revolution, die Studentenbewegungen, Proteste gegen den Vietnamkrieg – dieses Jahrzehnt hatte eine Menge erlebt und eine Menge bewegt.
Mit dem Blick eines 1990 geborenen Berliners wirkt diese Zeit auf mich faszinierend. Und auch wenn die Rolling Stones nie Bestandteil einer konkreten Jugendbewegung waren, so sprach Mick Jagger doch für eine Generation. Man muss diese Anfangszeilen aus „Wild Horses“ nicht als gesellschaftliches Statement verstehen, doch man kann. Ich tue es seit ich den Song zum ersten Mal gehört habe und einige Fragen gehen mir seitdem nicht mehr aus dem Kopf: Hat die Generation der 60er Jahre wirklich alles erreicht, was man sich als Jugendlicher wünscht? Was für Auswirkungen hätte das auf meine Generation und was haben wir den Hippies und Alt-68ern denn eigentlich zu verdanken?

Politische Gesinnung, Pop-kulturelle Geschmäcker, gesellschaftliche Visionen – all das schien sich in in den 60er Jahren zu einem ganzheitlichen Zeitgeist zu vereinigen, der ein seiner Dimension seitdem einzigartig blieb. Natürlich gab es unterschiedliche, teils sogar rivalisierende Strömungen, von Hippies über Rocker bis hin zu den sogenannten Alt-68ern. Doch sie alle einte eine progressive Abkehr vom festgefahrenen Wertesystem der Elterngeneration. Natürlich fallen mir einige geschichtliche Entwicklungen ein, die diese Generation geprägt hat. Vor allem aber bleibt ein gewisse Gefühl, das diese Zeit umgibt und das noch heute eine Faszination auf die Pop- und Jugendkultur ausübt. Ein Gefühl, dass alle Möglichkeiten offen sind, dass über alles geredet werden kann. Weder das Disco-Fieber oder New Wave, noch nicht einmal der Punk scheint so bleibende Spuren hinterlassen zuhaben wie die Bewegungen der 60er. Ich jedenfalls konnte keine dieser Epochen so tief im gesellschaftlichen Verständnis verankert finden, wie diese.

In der Textilindustrie angekommen: John
Lennon und Yoko Ono bei H&M
Natürlich ist das Lebensgefühl dieser Ära schon lange von der Werbeindustrie entdeckt, vermarktet und vielfach romantisiert worden. Der Rolling-Stones-Zunge auf T-Shirts von H&M war nur der Anfang. Seitdem begann eine wahre Flut von Kleidungsstücken und Accessiores, bedruckt mit Ikonen und Symbolen dieser Ära, in den großen Modeketten der westlichen Welt. Meinen persönlichen Höhepunkt entdeckte ich bislang bei H&M in Form eines T-Shirts mit Aufdruck von John Lennons und Yoko Onos Bed-In. Die Werbeindustrie, ihres Zeichens ja Experte für das gewisse Gefühl, scheint in dieser Ära ein besonderes Potential zu sehen. Etwas, wonach eine Sehnsucht besteht, etwas, was es heute nicht mehr gibt. Denn man kauft ja schließlich, was man sein will, und nicht, was man schon ist. Wer cool wie ein Cowboy sein will, kauft Marlborough. Wer cool wie die Rolling Stones sein will, kauft H&M. Doch ich komme nicht um den Eindruck herum, dass es mehr als nur Coolnes ist, was von den Hippie-, Rock- und sonstigen 60er-Jahre-Symbolen ausgeht. Ist es die freie Liebe? Ist es das sorglose Hippie-Gefühl? Ich weiß es nicht genau, doch die Begeisterung um diese Ära scheint mehr zu sein, als nur eine von der Industrie gewollte Trenderscheinung.

Gleichberechtigung und sexuelle Revolution

Natürlich sind da konkrete geschichtliche Entwicklungen, die auf die damalige Zeit zurückgehen.Vieles, was uns heute selbstverständlich erscheint, fußt auf Entwicklungen der 60 Jahre und wurde dort einst hart erkämpft. Das, was man damals als sexuelle Revolution bezeichnete, wird heute als normal empfunden. Die Rolle der Frau in jener Zeit wird allen Fans der US-Serie „Mad Man“ Folge für Folge schmerzhaft vor Augen geführt und noch immer erzählt mir meine Mutter voller Entsetzen, dass man als Mädchen damals noch nicht einmal ein Eis auf der Straße essen durfte. Es sei unschicklich für eine Dame, der Öffentlichkeit die Zunge zu zeigen. Getragen von den Worten Martin-Luther Kings nahm eine Entwicklung hin zur Gleichberechtigung von Schwarzen und Weißen ihren Anfang und auch die Toleranz für Homosexualität fand in diesem Jahrzehnt ihren Ursprung. In Deutschland setzten sich Studenten mit dem Motto „Unter den Talaren, der Muff von 1000 Jahren“ mit der Nazi-Vergangenheit der Elterngeneration auseinander und räumten mit latenten Überbleibseln dieser Zeit auf. Angefangen mit den Beatles und den Rolling Stones setzte auch die Musikkultur unverwechselbare, neue Maßstäbe. Es gibt zahlreiche entscheidende Weichen, die in dieser Zeit gestellt wurden. Diese Werte sind heute gesellschaftlich so weit anerkannt, dass man sich kaum vorstellen kann, wie es wäre, wenn es diese Bewegungen nicht gegeben hätte..

Wenn man sich den aktuellen Film „Not Fade away“ von David Chase anschaut, kommt man zu dem Schluss, dass die 60er Jahre einen Großteil ihrer Explosivität aus der Auseinandersetzung der Generationen speisen. Auf der einen Seite eine konservative, spießige Elterngeneration, auf der anderen eine junge, progressive, revoltierende Jungend. Ich kann aus der Distanz nicht beurteilen, ob es wirklich so schwarz-weiß-malerisch war damals, doch das ist das Bild, das heute transportiert wird. Hier greift wieder das gewisse Gefühl, in dieser Zeit etwas zu bekommen, was man sein oder haben will. Und das scheint der Konflikt zu sein. Die arrivierte Gesellschaft, das Establishment, bot der Jugend damals eine breite Angriffsfläche. Die Elterngeneration schien geschlossen Ideale zu verkörpern, die förmlich danach schrien, sich dagegen aufzulehnen. Die Befürwortung des Vietnamkrieges in den USA, eigene Kriegsschuld in Deutschland und in allen westlichen Ländern ein festgefahrener Lebensentwurf, der keine Rücksicht auf freie Entfaltung der Persönlichkeit nahm - die Grenzen für die Jugend war eng gezogen. Die Freiheit jenseits dieser Grenzen schien dafür umso größer. Von langen Haaren bis zu freier Liebe in Kommunen – die Jugend ließ sich nicht einsperren und setzte den Eltern Lebensentwürfe entgegen, die diese schier in Ohnmacht fallen ließen.

Ich möchte Teil einer Jugendbewegung sein“

Heute ist es schwierig, sich etwas einfallen zu lassen, um die eigenen Eltern der Ohnmacht auch nur nahe zu bringen. Raucht man heimlich in seinem Zimmer einen Joint, setzt sich die Mutter dazu und erzählt von all den Joints, die sie in Woodstock geraucht hat. Lässt man sich lange Haare wachsen, holt der Vater ein Foto von 1967 heraus, auf dem seine Haare doppelt so lang sind. Und merken die Eltern, dass man ein turbulentes Liebesleben hat, kramen sie die alten Geschichten aus Kommune 1 heraus. Die Liberalisierung der Gesellschaft hat unheimlich viele Vorzüge, doch sie lässt der Jugend kaum noch die Chance, sich zu emanzipieren. Wovon auch? Gesellschaftliche Normen, die die Jugend in ihren Wünschen einschränken sind kaum noch gegeben. Jeder kann alles machen. Niemand ist ausgeschlossen. Das ist gut, keine Frage. Das sind Werte, die ich nie wieder missen möchte, und man kommt sich fast undankbar vor, wenn man sich manchmal doch wenigstens einen kleinen Angriffspunkt wünscht, an dem man sich von den Eltern abheben kann.

Das gilt jedoch nicht nur für jeden Einzelnen, sondern auch für die ganze Generation. Tocotronic sangen schon 1995 „Ich möchte Teil einer Jugendbewegung sein“ und stellten damit klar, woran es dieser Generation fehlte. Es gab Goths, es gab Rocker, es gab Hip-Hopper, es gab Metaller, doch es gab keine Bewegung, keine Ideologie, nichts, was die ganze Generation einte und inhaltlich von früheren abhob. Seitdem hat sich in dieser Hinsicht erschreckend wenig getan. Die Indie-Bewegung ist gekommen und gegangen, doch hat sie weder alle mitgenommen, noch hatte sie einen gedanklichen Unterbau. Die Sehnsucht nach einer Bewegung, die alle aus voller Überzeugung mittragen können, bleibt unbefriedigt. So ist der seit einigen Jahren in den Metropolen der Welt für Aufsehen sorgende Hipster auch nichts weiter als ein Ausdruck dieses Verlangens. Ein Trend, der mangels geistigen Fundaments oder eigenem Inhalt, auf nichts weiter baut, als auf die äußeren Merkmale vergangener, vermeintlich schöner, Epochen. Der Konfrontation mit dem Hier und Jetzt wird so aus dem Weg gegangen und die Frage nach dem Warum und Wofür bleibt unbeantwortet. Hat Mick Jagger also doch recht? Haben alles, was die Jugend will, frühere Generationen bereits erreicht und uns bleibt heute nichts mehr übrig als dem hinterherzuträumen?

Vom Heißsporn Fischer zur Taktikerin Merkel

Der letzte Live-Rock'n'Roller der Politik:
Joschka Fischer in Turnschuhen
Ein „Ja“ als Antwort auf diese Frage wäre wahrlich deprimierend. Und um ihr ein überzeugendes „Nein“ entgegenzusetzen, muss ich vielleicht etwas weiter ausholen. 2005 verließ mit Joschka Fischer „der letzte Live-Rock'n'Roller“ die Politik in Deutschland. Nach der Kohl-Ära war 1998 eine Rot-Grüne Regierung unter Gerhard Schröder an die Macht gekommen und die personifizierte Nachkriegsspießigkeit war von den Revoluzzern von eins abgelöst worden. Führende Köpfe der Studentenbewegung in Deutschland wie Otto Schily oder eben Joschka Fischer standen nun in der Verantwortung und hatten den Regierungsauftrag, das Land nach ihren Vorstellungen zu gestalten. Die von Schröder ausgerufene „neue Mitte“ der Gesellschaft schien es zu goutieren, dass die revoltierende Generation der 60er Jahre jetzt das Sagen hatte. So wie viele ihrer Werte sich in der Gesellschaft etabliert hatten, schienen auch ihre Persönlichkeiten dem Geist der Zeit zu entsprechen. Mit genügend historischem Abstand wandelte sich die öffentliche Bewertung Joschka Fischers Auftritt in Turnschuhen im hessischen Landtag oder seiner verbalen Ausfälle („Mit Verlaub, Herr Präsident, Sie sind ein Arschloch“) von ungehörig zu charakterstark. Heute muss man sich allerdings nicht lange umschauen, um festzustellen, dass es damit vorbei ist. Kühl kalkulierende Machtpolitiker, deren ausgereiftestes Exemplar sich bis an die Regierungsspitze vorgearbeitet hat, haben Schrödersche Regierung abgelöst. Nicht nur anhand der Beliebtheit Angela Merkels in den Umfragen, sondern auch anhand meiner persönlichen Erfahrungen meine ich festmachen zu können, dass dieser Trend nicht nur die Politik betrifft, sondern die Gesellschaft ganz und gar durchdrungen hat. Eine distanzierte und abwartende Geisteshaltung, die im Notfall auch mal 180-Grad-Wendungen vollzieht, scheint dieser Zeit mehr zu entsprechen, als eine auf Überzeugungen bauende Vision. Der Geist der Alt-68er ist passé.

Die allgegenwärtige Wirtschaftskrise, die es sich auf absehbare Zeit in Europa bequem gemacht zu haben scheint, hat auch auf die Jugend erhebliche Auswirkungen. Studieren, das höre ich immer wieder, war in den 60ern noch eine unbeschwerte Zeit, in der man sich Gedanken und Gott und die Welt machte. Heute ist es vom ersten Tag an ein Kampf um Noten, Rankings und letztlich Chancen auf dem Arbeitsmarkt. Sorglosigkeit scheint weiter weg zu sein denn je. Die direkte Art eines Joschka Fischer, der immer mit Herzblut für seine Sache focht, und dabei auch mal das Wagnis eingeht, übers Ziel hinauszuschießen, ist einer auf Sicherheit bedachten Einstellung gewichen, die jedes Risiko meidet und das eigene Wohl im Sinn hat. Denn übermäßiges Engagement für die Allgemeinheit kann man sich angesichts von Jugendarbeitslosigkeit von bis zu 50 Prozent in manchen EU-Ländern nicht mehr leisten. Das ist natürlich nicht das Umfeld, in dem Jugendbewegungen entstehen.

Entertainment statt Engagement

Doch gleichzeitig zeigt es, dass mit nichten alles erreicht ist. Die Generation der 60er Jahre hat uns große Freiheiten beschert, doch die Welt steht nicht still. Es gäbe genügend Herausforderungen, der wir uns heute stellen könnten und müssten. Der Klimawandel wird seit fast 20 Jahren thematisiert, doch es sieht bislang nicht so aus, als ob das allseits akzeptierte Zwei-Grad-Ziel realisiert wird. Das Wirtschaftssystem produziert Ungerechtigkeit am Fließband, doch ändern will daran niemand etwas. Anstatt aber dagegen zu protestieren, geht jeder lieber seiner eigenen kleinen Welt nach. Frei nach dem Motto: Solange bei mir alles gut läuft, gibt es keinen Grund zu klagen. Ein Ausdruck dieser Mentalität ist es, dass in Deutschland nur der eigene Vorteil als Argument für die kostspielige Euro-Rettung zu zählen scheint. Solidarität für das griechische Volk oder eine Vision eines geeinten Europas zieht da nicht. Man könnte es schon fast symptomatisch nennen, dass der 66-jährige Kanzlerkandidat genau damit zu punkten versuchte und scheiterte. Komplizierter für die Jugend von heute macht es auch die Tatsache, dass der potentielle Gegner heutzutage differenziert, oftmals anonym und kaum greifbar ist. Wer weiß schon, wer wirklich Schuld an der Euro-Krise ist? Die Banken, die maroden Staaten oder gleich das ganze System? In diesem Umfeld ist es schwer, den Antrieb zu finden, sich zu engagieren, sich Alternativen zu überlegen und vor allem die ganze Generation dafür zu gewinnen. Dabei täte genau hier der Geist der Alt-68er gut. Man könnte sogar so weit gehen, zu sagen, dass es Not tut, die Energie und Motivation der 60er Jahre wiederzubeleben.

Und das Verlangen nach Revolution und dem wilden Leben? Das kann man ja auch anders stillen. Die Unterhaltungsindustrie bietet ja genügend Möglichkeiten. Auch das jugendliche Revoluzzertum hat die Unterhaltungsbranche natürlich schon längst gekapert und erschafft regelmäßig kleine Pop-Figuren, die nur darauf ausgerichtet ist, das Revoltieren der Teenager abzuleiten und in geordneten Formen zu steuern, die möglichst über ein paar gefärbte Haarsträhnen nicht hinausgehen. Auch ich fand Avril Lavigne mit 12 gut. Aber mit steigendem Alter erkennt man doch, dass das Aufbegehren hier nur noch eine Geschäftsidee ist, der Geist der Revolution nicht mehr, als eine Taktik, mit der kräftig Geld verdient wird. Doch immer häufiger kommt es mir so vor, als würde man nicht nur pubertierende Teenager mit dieser Masche ruhig stellen wollen. Auch älteren Semestern werden kommerzielle Figuren und Events zum Abreagieren zur Seite stellt, um sie vom eigenen Protestpotential abzulenken. Jedes Festival ahmt den Geist Woodstocks nach, fast jeder Club versucht, die Coolness vergangener Generationen wieder zu Leben zu erwecken und jede Werbung verspricht ein Leben wie ein Rockstar. Das an sich wäre nichts allzu neues, doch erschreckend ist, dass es so scheint, als ließe sich die heutige Generation wirklich damit abfertigen, sich äußerlicher Merkmale vergangener Epochen zu bedienen. Sie scheint sich damit zufrieden zu geben, das kommerzielle Erbe dieser Bewegungen zu unterstützen. Jimi-Hendrix-T-Shirt überstreifen, revolutionäres Schuhwerk anziehen (wahlweise Chucks oder Doc Marten's) und einmal im Jahr zu Rock am Ring – fühlt sich fast so an, als wäre man Teil von etwas ganz Großem. Diese Attribute der früherer Generationen Jahre sind allerdings reine Unterhaltungselemente, nicht mehr als ein Accessoire für die Freizeit. Mit einem gesellschaftlichem Aufbegehren, einem demonstrierenden Engagement hat das nichts mehr zu tun.

Zelten als Protest: Occupy-Bewegung am
Berliner Hauptbahnhof
Mir ist natürlich klar, dass nichts von dem, was ich hier geschrieben habe, zu generalisieren ist. Auch in den 60er Jahren wird nicht jeder Jugendliche Steine schmeißend auf die Straße gegangen sein und auch heute gibt es einige sehr engagierte Vertreter unserer Generation. Ich behaupte auch gar nicht, dass ich dabei mit gutem Beispiel voran gehe, denn schließlich sitze ich hier und schreibe diese Zeilen, anstatt auf dem nächsten APO-Treffen für Visionen für morgen zu werben. Doch die Begeisterung, mit der sich die Medien auf Protestbewegungen der heutigen Zeit werfen, zeigt, wie sehr hier ein Protest-Vakuum wahrgenommen wird. Waren es auch nur ein paar Zelte am Berliner Hauptbahnhof; die Schlagzeilen hatte die Occupy-Bewegung damit schon sicher.



Sicher ist, dass die 60er auch in der heutigen Zeit noch merkliche Spuren hinterlassen haben. Ihre Errungenschaften gelten auch in der heutigen Jungend noch als cool, doch eher als Lifestyle-Element, als wegen ihrer Inhalte. Trotz der Allgegenwärtigkeit der Symbole dieser Zeit, scheint man vergessen zu haben, was diese Ära eigentlich ausgemacht hat. Anstatt unsere Zeit selbst zu prägen besinnen wir uns lieber vergangener Epochen, die ihrerseits als prägend wahrgenommen werden, und hoffen, dass von diesem Glanz etwas auf uns abfällt. Gleichzeitig hat diese Art der Reproduzierung eine gewisse Sättigung bewirkt. Dass vieles, wofür die Jugend früher kämpfte, heute bereits erreicht ist, darf nicht als Ausrede missbraucht werden, sich kritiklos mit dem Status Quo zufrieden zu geben. Ebenso wenig die Tatsache, dass Visionen auch zu schrecklichen Trugschlüssen führen könne, wie die Pädophilie-Aufarbeitung der Grünen in Deutschland deutlich zeigt. Letztlich kann ich Mick Jagger also nur zum Teil Recht geben. Die Generation der 60er Jahre hat viel erreicht. Einiges sind Dinge, die sich jeder Jugendliche wünscht, einiges Dinge, nach der heute die ganze Gesellschaft verlangt. Ganz und gar falsch und geradezu gefährlich für die Zukunft ist jedoch der ausschließlichen Charakter seiner Worte. Es wurden bei Weitem nicht alle Dinge erreicht, die Jugendliche wollen, und erst recht nicht alles, was die Gesellschaft braucht. Es warten zahlreiche Herausforderungen auf die Jungend und alle, die sich für eine bessere Zukunft engagieren wollen. Wir alle müssen dabei das gewisse Gefühl der letzten Jahre abstreifen, die Lethargie loswerden und frei von den alltäglichen Problemen wieder gesellschaftliche Visionen erschaffen, die das Hier und Jetzt hinterfragen, um das Morgen zu verbessern. Es bleibt zu hoffen, dass die Generation von heute irgendwann merkt, dass auch in unserer Gesellschaft in vielerlei Hinsicht weiterhin ein Satz gilt, der den Rolling Stones sowieso sehr viel mehr Aufmerksamkeit beschert hat als die eingangs zitierten Zeilen: „I can't get no, Satisfaction“!